| |
aus des Brunnens Öffnung stieg es gleich einer weißen Wassersäu le feierlich herauf; sie dachten
erst, es würde mit dem Springbrunnen Ernst, bis sie gewahrten, daß die aufsteigende Gestalt ein
bleiches, weißverschleiertes Weibsbild war. Das weinte bitterlich, da s hob die Hände ängstlich
ringend über das Haupt und schritt mit langsam ernstem Gange nach dem Schloßgebäu.
Auseinander stob das Burggesind vom Brunnen fort, bleich stand, Entsetze ns starr, mit ihren
Dienerinnen die Braut am Fenster. Als die Gestalt nun dicht unter deren Kammern hinschritt,
schaute sie winselnd nach ihr empor, und Bertalda meinte, unter dem Schl eier Undinens bleiche
Gesichtszüge zu erkennen. Vorüber aber zog die Jammernde, schwer, gezwungen, zögernd, wie
zum Hochgericht. Bertalda schrie, man solle den Ritter rufen; es wagte s ich keine der Zofen aus
der Stelle, und auch die Braut selber verstummte wieder, wie vor ihrem e ignen Laut erbebend.
Während jene noch immer bang am Fenster standen, wie Bildsäulen re gungslos, war die
seltsame Wandrerin in die Burg gelangt, die wohlbekannten Treppen hinauf , die wohlbekannten
Hallen durch, immer in ihren Tränen still. Ach, wie so anders war sie einstens hier umgewandelt! -
Der Ritter aber hatte seine Diener entlassen. Halbausgekleidet, im betrü bten Sinnen, stand er
vor einem großen Spiegel; die Kerze brannte dunkel neben ihm. Da klop fte es an die Tür mit
leisem, leisem Finger. Undine hatte sonst wohl so geklopft, wenn sie ihn freundlich necken wollte.
»Es ist alles nur Phantasterei!« sagte er zu sich selbst. »Ich muß ins Hochzeitbett.« - »Das mußt
du, aber in ein kaltes!« hörte er eine weinende Stimme draußen vor dem Gemache sagen, und
dann sah er im Spiegel, wie die Tür aufging, langsam, langsam, und wi e die weiße Wandrerin
hereintrat und sittig das Schloß wieder hinter sich zudrückte. » Sie haben den Brunnen
aufgemacht«, sagte sie leise, »und nun bin ich hier, und nun muß t du sterben.« - Er fühlte in
seinem stockenden Herzen, daß es auch gar nicht anders sein könne, deckte aber die Hände über
die Augen und sagte: »Mache mich nicht in meiner Todesstunde durch Sc hrecken toll. Wenn du
ein entsetzliches Antlitz hinter dem Schleier trägst, so lüfte ihn nicht, und richte mich, ohne daß ich
dich schaue.« - »Ach«, entgegnete die Wandrerin, »willst du mich denn nicht noch ein einziges
Mal sehn? Ich bin schön, wie als du auf der Seespitze um mich warbst. « - »O, wenn das wäre!«
seufzte Huldbrand; »und wenn ich sterben dürfte an einem Kusse von dir.« - »Recht gern, mein
Liebling«, sagte sie. Und ihre Schleier schlug sie zurück, und him mlisch schön lächelte ihr holdes
Antlitz daraus hervor. Bebend vor Liebe und Todesnähe neigte sich der Ritter ihr entgegen, sie
küßte ihn mit einem himmlischen Kusse, aber sie ließ ihn nicht mehr los, sie drückte ihn inniger an
sich und weinte, als wolle sie ihre Seele fortweinen. Die Tränen dran gen in des Ritter Augen und
wogten im lieblichen Wehe durch seine Brust, bis ihm endlich der Atem en tging und er aus den
schönen Armen als ein Leichnam sanft auf die Kissen des Ruhebettes zu rücksank.
»Ich habe ihn tot geweint!« sagte sie zu einigen Dienern, die ihr im Vorzimmer begegneten, und
schritt durch die Mitte der Erschreckten langsam nach dem Brunnen hinaus .
|  |
|
| |
|
|