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Undine

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Sechzehntes Kapitel: Von Huldbrands fürderm Ergehen Soll man sagen, leider! oder zum Glück! daß es mit unsrer Trauer k einen rechten Bestand hat? Ich meine, mit unsrer so recht tiefen und aus dem Borne des Lebens schö pfenden Trauer, die mit dem verlornen Geliebten so eines wird, daß er ihr nicht mehr verloren  ist und sie ein geweihtes Priestertum an seinem Bilde durch das ganze Leben durchführen will, b is die Schranke, die ihm gefallen ist, auch uns zerfällt! Freilich bleiben wohl gute Menschen  wirklich solche Priester, aber es ist doch nicht die erste, rechte Trauer mehr. Andre, fremdartige Bilder  haben sich dazwischengedrängt, wir erfahren endlich die Vergänglichkeit aller  irdischen Dinge sogar an unserm Schmerz, und so muß ich denn sagen: »Leider, daß es mit  unsrer Trauer keinen rechten Bestand hat!« Der Herr von Ringstetten erfuhr das auch; ob zu seinem Heile, werden wir  im Verfolg dieser Geschichte hören. Anfänglich konnte er nichts als immer recht bitt erlich weinen, wie die arme, freundliche Undine geweint hatte, als er ihr den blanken Schmuck aus der  Hand riß, mit dem sie alles so schön und gut machen wollte. Und dann streckte er die Hand a us, wie sie es getan hatte, und weinte immer wieder von neuem, wie sie. Er hegte die heimliche Hoffn ung, endlich auch ganz in Tränen zu verrinnen, und ist nicht selbst manchem von uns andern i n großem Leide der ähnliche Gedanke mit schmerzender Lust durch den Sinn gezogen? Bertal da weinte mit, und sie lebten lange ganz still beieinander auf Burg Ringstetten, Undinens Anden ken feiernd und der ehemaligen Neigung fast gänzlich vergessen habend. Dafür kam auch  um diese Zeit oftmals die gute Undine zu Huldbrands Träumen; sie streichelte ihn sanft und freu ndlich und ging dann stillweinend wieder fort, so daß er im Erwachen oftmals nicht recht w ußte, wovon seine Wangen so naß waren; kam es von ihren oder bloß von seinen Tränen? Die Traumgesichte wurden aber mit der Zeit seltner, der Gram des Ritters  matter, und dennoch hätte er vielleicht nie in seinem Leben einen andern Wunsch gehegt, a ls so stille fort Undinens zu gedenken und von ihr zu sprechen, wäre nicht der alte Fischer unvermu tet auf dem Schloß erschienen und hätte Bertalden nun alles Ernstes als sein Kind zurü ckegeheischt. Undinens Verschwinden war ihm kundgeworden, und er wollte es nicht länger zuge ben, daß Bertalda bei dem unverehelichten Herrn auf der Burg verweile. - »Denn, ob meine To chter mich lieb hat oder nicht«, sprach er, »will ich jetzt gar nicht wissen, aber die Ehrb arkeit ist im Spiel, und wo die spricht, hat nichts andres mehr mitzureden.« Diese Gesinnung des alten Fischers und die Einsamkeit, die den Ritter au s allen Sälen und Gängen der verödeten Burg schauerlich nach Bertaldens Abreise zu e rfassen drohte, brachten zum Ausbruch, was früher entschlummert und in dem Gram über Undine n ganz vergessen war: die Neigung Huldbrands für die schöne Bertalda. Der Fischer hatte  vieles gegen die vorgeschlagne Heirat einzuwenden. Undine war dem alten Manne sehr lieb g ewesen, und er meinte, man wisse ja noch kaum, ob die liebe Verschwundne recht eigentli ch tot sei. Liege aber ihr Leichnam wirklich starr und kalt auf dem Grunde der Donau oder treibe mi t den Fluten ins Weltmeer hinaus, so habe Bertalda an ihrem Tode mit schuld, und nicht ge zieme es ihr, an den Platz der armen Verdrängten zu treten. Aber auch den Ritter hatte der  Fischer sehr lieb; die Bitten der Tochter, die um vieles sanfter und ergebner geworden war, wie auch i hre Tränen um Undinen kamen dazu, und er mußte wohl endlich seine Einwilligung gegeben habe n, denn er blieb ohne Widerrede auf der Burg, und ein Eilbote ward abgesandt, den Pater Heilma nn, der in frühern glücklichen Tagen Undinen und Huldbranden eingesegnet hatte, zur zwei ten Trauung des Ritters nach dem Schlosse zu holen. Der fromme Mann aber hatte kaum den Brief des Herrn von Ringstetten durc hlesen, so machte er sich in noch viel größerer Eile nach dem Schlosse auf den Weg,  als der Bote von dorten zu ihm gekommen war. Wenn ihm auf dem schnellen Gange der Atem fehlte oder die  alten Glieder schmerzten vor Müdigkeit, pflegte er zu sich selber zu sagen: »Vie lleicht ist noch Unrecht zu hindern; sinke nicht eher als am Ziele, du verdorrter Leib!« - Und mi t erneuter Kraft riß er sich
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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