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Vierzehntes Kapitel:
Wie Bertalda mit dem Ritter heimfuhr
Das Schwarztal liegt tief in die Berge hinein. Wie es jetzo heißt, ka nn man nicht wissen. Damals
nannten es die Landleute so wegen der tiefen Dunkelheit, welche von hohe n Bäumen, worunter es
vorzüglich viele Tannen gab, in die Niederung heruntergestreuet war. Selbst der Bach, der
zwischen den Klippen hinstrudelte, sahe davon ganz schwarz aus und gar n icht so fröhlich, wie es
Gewässer wohl zu tun pflegen, die den blauen Himmel unmittelbar üb er sich haben. Nun, in der
hereinbrechenden Dämmerung, war es vollends sehr wild und finster zwi schen den Höhen
geworden. Der Ritter trabte ängstlich die Bachesufer entlängst; er fürchtete bald, durch
Verzögerung die Flüchtige zu weit voraus zu lassen, bald wieder, i n der großen Eile sie irgendwo,
dafern sie sich vor ihm verstecken wolle, zu übersehn. Er war indes s chon ziemlich tief in das Tal
hineingekommen und konnte nun denken, das Mägdlein bald eingeholt zu haben, wenn er anders
auf der rechten Spur war. Die Ahnung, daß er das auch wohl nicht sein könne, trieb sein Herz zu
immer ängstlicheren Schlägen. Wo sollte die zarte Bertalda bleiben , wenn er sie nicht fand, in der
drohenden Wetternacht, die sich immer furchtbarer über das Tal herein bog? Da sah er endlich
etwas Weißes am Hange des Berges durch die Zweige schimmern. Er glaub te Bertaldas Gewand
zu erkennen und machte sich hinzu. Sein Roß aber wollte nicht hinan; es bäumte sich so
ungestüm, und er wollte so wenig Zeit verlieren, daß er - zumal da ihm wohl ohnehin zu Pferde das
Gesträuch allzu hinderlich geworden wäre - absaß und den schnau benden Hengst an eine Rüster
band, worauf er sich dann vorsichtig durch die Büsche hinarbeitete. D ie Zweige schlugen ihm
unfreundlich Stirn und Wangen mit der kalten Nässe des Abendtaus, ein ferner Donner murmelte
jenseit der Berge hin, es sah alles so seltsam aus, daß er anfing, ei ne Scheu vor der weißen
Gestalt zu empfinden, die nun schon unfern von ihm am Boden lag. Doch ko nnte er ganz deutlich
unterscheiden, daß es ein schlafendes oder ohnmächtiges Frauenzimm er in langen, weißen
Gewändern war, wie sie Bertalda heute getragen hatte. Er trat dicht v or sie hin, rauschte an den
Zweigen, klirrte an seinem Schwerte - sie regte sich nicht. - »Bertal da!« sprach er; erst leise, dann
immer lauter - sie hörte nicht. Als er zuletzt den teuern Namen mit g ewaltsamer Anstrengung rief,
hallte ein dumpfes Echo aus den Berghöhlen des Tales lallend zurüc k: »Bertalda!« - aber die
Schläferin blieb unerweckt. Er beugte sich zu ihr nieder; die Dunkelh eit des Tales und der
einbrechenden Nacht ließen keinen ihrer Gesichtszüge unterscheiden . Als er sich nun eben mit
einigem gramvollen Zweifel ganz nahe zu ihr an den Boden gedrückt hat te, fuhr ein Blitz schnell
erleuchtend über das Tal hin. Er sah ein abscheulich verzerrtes Antli tz dicht vor sich, das mit
dumpfer Stimme rief: »Gib mir nen Kuß, du verliebter Schäfe r.« - Vor Entsetzen schreiend fuhr
Huldbrand in die Höh, die häßliche Gestalt ihm nach. »Zu Hau s!« murmelte sie; »die Unholde sind
wach. Zu Haus! Sonst hab ich dich!« - Und es griff nach ihm mit lange n weißen Armen. -
»Tückischer Kühleborn«, rief der Ritter, sich ermannend, » was gilts, du bist es, du Kobold! Da
hast du nen Kuß!« - Und wütend hieb er mit dem Schwerte geg en die Gestalt. Aber die zerstob,
und ein durchnässender Wasserguß ließ dem Ritter keinen Zweifel darüber, mit welchem Feinde
er gestritten habe.
»Er will mich zurückschrecken von Bertalden«, sagte er laut zu sich selbst; »er denkt, ich soll
mich vor seinen albernen Spukereien fürchten und ihm das arme, geä ngstete Mädchen hingeben,
damit er sie seine Rache könne fühlen lassen. Das soll er doch nic ht, der schwächliche
Elementargeist. Was eine Menschenbrust vermag, wenn sie so recht will, s o recht aus ihrem
besten Leben will, das versteht der ohnmächtige Gaukler nicht.« - Er fühlte die Wahrheit seiner
Worte und daß er sich selbst dadurch einen ganz erneuten Mut in das H erz gesprochen habe.
Auch schien es, als trete das Glück mit ihm in Bund, denn noch war er nicht wieder bei seinem
angebundenen Rosse, da hörte er schon ganz deutlich Bertaldas klagend e Stimme, wie sie unfern
von ihm durch das immer lauter werdende Geräusch des Donners und Stur mwindes herüber
weinte. Beflügelten Fußes eilt er dem Schalle nach und fand di e erbebende Jungfrau, wie sie
eben die Höhe hinanzuklimmen versuchte, um sich auf alle Weise aus de m schaurigen Dunkel
dieses Tales zu retten. Er aber trat ihr liebkosend in den Weg, und so k ühn und stolz auch früher
ihr Entschluß mochte gewesen sein, empfand sie doch jetzt nur allzu l ebendig das Glück, daß ihr
im Herzen geliebter Freund sie aus der furchtbaren Einsamkeit erlöse und das helle Leben in der
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