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Dreizehntes Kapitel:
Wie sie auf Burg Ringstetten lebten
Der diese Geschichte aufschreibt, weil sie ihm das Herz bewegt und weil er wünscht, daß sie
auch andern ein Gleiches tun möge, bittet dich, lieber Leser, um eine Gunst. Sieh es ihm nach,
wenn er jetzt über einen ziemlich langen Zeitraum mit kurzen Worten h ingeht und dir nur im
allgemeinen sagt, was sich darin begeben hat. Er weiß wohl, daß ma n es recht kunstgemäß und
Schritt vor Schritt entwickeln könnte, wie Huldbrands Gemüt begann , sich von Undinen ab- und
Bertalden zuzuwenden, wie Bertalda dem jungen Mann mit glühender Lieb e immer mehr
entgegenkam und er und sie die arme Ehefrau als ein fremdartiges Wesen m ehr zu fürchten als zu
bemitleiden schienen, wie Undine weinte und ihre Tränen Gewissensbiss e in des Ritters Herzen
anregten, ohne jedoch die alte Liebe zu erwecken, so daß er ihr wohl bisweilen freundlich tat, aber
ein kalter Schauer ihn bald von ihr weg und dem Menschenkinde Bertalda e ntgegentrieb - man
könnte dies alles, weiß der Schreiber, ordentlich ausführen, vi elleicht sollte mans auch. Aber das
Herz tut ihm dabei allzu weh, denn er hat ähnliche Dinge erlebt und s cheut sich in der Erinnerung
auch noch vor ihrem Schatten. Du kennst wahrscheinlich ein ähnliches Gefühl, lieber Leser, denn
so ist nun einmal der sterblichen Menschen Geschick. Wohl dir, wenn du d abei mehr empfangen
als ausgeteilt hast, denn hier ist Nehmen seliger als Geben. Dann schlei cht dir nur ein geliebter
Schmerz bei solchen Erwähnungen durch die Seele und vielleicht eine l inde Träne die Wange
herab, um deine verwelkten Blumenbeete, deren du dich so herzlich gefreu t hattest. Damit sei es
aber auch genug; wir wollen uns nicht mit tausendfach vereinzelten Stich en das Herz
durchprickeln, sondern nur kurz dabei bleiben, daß es nun einmal so g ekommen war, wie ich es
vorhin sagte. Die arme Undine war sehr betrübt, die andern beiden war en auch nicht eben
vergnügt; sonderlich meinte Bertalda bei der geringsten Abweichung vo n dem, was sie wünschte,
den eifersüchtigen Druck der beleidigten Hausfrau zu spüren. Sie h atte sich deshalb ordentlich ein
herrisches Wesen angewöhnt, dem Undine in wehmütiger Entsagung nac hgab und das durch den
verblendeten Huldbrand gewöhnlich aufs entschiedenste unterstützt ward. Was die
Burggesellschaft noch mehr verstörte, waren allerhand wunderliche Spu kereien, die Huldbranden
und Bertalden in den gewölbten Gängen des Schlosses begegneten und von denen vorher seit
Menschengedenken nichts gehört worden war. Der lange, weiße Mann, in welchem Huldbrand den
Oheim Kühleborn, Bertalda den gespenstischen Brunnenmeister nur allzu wohl erkannte, trat
oftmals drohend vor beide, vorzüglich aber vor Bertalden hin, so daß diese schon einigemal vor
Schrecken krank darnieder gelegen hatte und manchmal daran dachte, die B urg zu verlassen.
Teils aber war ihr Huldbrand allzu lieb, und sie stützte sich dabei a uf ihre Unschuld, weil es nie zu
einer eigentlichen Erklärung unter ihnen gekommen war; teils auch wuß te sie nicht, wohin sie
sonst ihre Schritte richten solle. Der alte Fischer hatte auf des Herrn von Ringstettens Botschaft,
daß Bertalda bei ihm sei, mit einigen schwer zu lesenden Federzüge n, so wie sie ihm Alter und
lange Entwöhnung verstatteten, geantwortet: »Ich bin nun ein armer alter Witwer worden, denn
meine liebe treue Frau ist mir erstorben. Wie sehr ich aber auch allein in der Hütten sitzen mag,
Bertalda ist mir lieber dort als bei mir. Nur daß sie meiner lieben U ndine nichts zuleide tue! Sonst
hätte sie meinen Fluch.« - Die letzten Worte schlug Bertalda in de n Wind, aber das wegen des
Wegbleibens von dem Vater behielt sie gut, so wie wir Menschen in ähn lichen Fällen es immer zu
machen pflegen.
Eines Tages war Huldbrand eben ausgeritten, als Undine das Hausgesinde v ersammelte, einen
großen Stein herbeibringen hieß und den prächtigen Brunnen, der sich in der Mitte des
Schloßhofes befand, sorgfältig damit zu bedecken befahl. Die Leute wandten ein, sie würden
alsdann das Wasser weit unten aus dem Tale heraufzuholen haben. Undine l ächelte wehmütig. -
»Es tut mir leid um eure vermehrte Arbeit, liebe Kinder«, entgegne te sie; »ich möchte lieber selbst
die Wasserkrüge heraufholen, aber dieser Brunnen muß nun einmal zu . Glaubt es mir aufs Wort,
daß es nicht anders angeht und daß wir nur dadurch ein größe res Unheil zu vermeiden imstande
sind.« - Die ganze Dienerschaft freute sich, ihrer sanften Hausfrau g efällig sein zu können; man
fragte nicht weiter, sondern ergriff den ungeheuern Stein. Dieser hob si ch unter ihren Händen und
schwebte bereits über dem Brunnen, da kam Bertalda gelaufen und rief, man solle innehalten; aus
diesem Brunnen lasse sie das Waschwasser holen, welches ihrer Haut so vo rteilhaft sei, und sie
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