| |
»Nicht ohne dich, Undinchen«, entgegnete der lachende Ritter, » denke doch, wenn ich auch Lust
hätte, auszureisen, so müßte ja Kirche und Geistlichkeit und Ka iser und Reich dreinschlagen und
dir den Flüchtling wiederbringen.« - »Kommt alles auf dich an, kommt alles auf dich an«, flüsterte
die Kleine, halb weinend, halb lächelnd. »Ich denke aber doch, du wirst mich wohl behalten; ich bin
dir ja gar zu innig gut. Trage mich nun hinüber auf die kleine Insel, die vor uns liegt. Da soll sichs
entscheiden. Ich könnte wohl leichtlich selbst durch die Wellchen sch lüpfen, aber in deinen Armen
ruht sichs so gut, und verstößest du mich, so hab ich doch noc h zum letzten Male anmutig darin
geruht.« - Huldbrand, voll von einer seltsamen Bangigkeit und Rühr ung, wußte ihr nichts zu
erwidern. Er nahm sie in seine Arme und trug sie hinüber, sich nun er st besinnend, daß es
dieselbe kleine Insel war, von wo er sie in jener ersten Nacht dem alten Fischer zurückgetragen
hatte. Jenseits ließ er sie in das weiche Gras nieder und wollte sich schmeichelnd neben seine
schöne Bürde setzen; sie aber sagte: »Nein, dorthin, mir gegenü ber. Ich will in deinen Augen
lesen, noch ehe deine Lippen sprechen: Höre nun recht achtsam zu, was ich dir erzählen will.«
Und sie begann:
»Du sollst wissen, mein süßer Liebling, daß es in den Elemen ten Wesen gibt, die fast aussehen
wie ihr und sich doch nur selten vor euch blicken lassen. In den Flammen glitzern und spielen die
wunderlichen Salamander, in der Erden tief hausen die dürren, tück ischen Gnomen, durch die
Wälder streifen die Waldleute, die der Luft angehören, und in den Seen und Strömen und Bächen
lebt der Wassergeister ausgebreitetes Geschlecht. In klingenden Kristall gewölben, durch die der
Himmel mit Sonn und Sternen hereinsieht, wohnt sichs schön; hohe Korallenbäume mit blau und
roten Früchten leuchten in den Gärten; über reinlichen Meeressa nd wandelt man und über schöne,
bunte Muscheln, und was die alte Welt des also Schönen besaß, daß die heutige nicht mehr sich
dran zu freuen würdig ist, das überzogen die Fluten mit ihren heim lichen Silberschleiern, und
unten prangen nun die edlen Denkmale, hoch und ernst, und anmutig betaut vom liebenden
Gewässer, das aus ihnen schöne Moosblumen und kränzende Schilfb üschel hervorlockt. Die aber
dorten wohnen, sind gar hold und lieblich anzuschauen, meist schöner als die Menschen sind.
Manch einem Fischer ward es schon so gut, ein zartes Wasserweib zu belau schen, wie sie über
die Fluten hervorstieg und sang. Der erzählte dann von ihrer Schön e weiter, und solche
wundersame Frauen werden von den Menschen Undinen genannt. Du aber siehs t jetzt wirklich
eine Undine, lieber Freund.«
Der Ritter wollte sich einreden, seiner schönen Frau sei irgendeine i hrer seltsamen Launen
wach geworden, und sie finde ihre Lust daran, ihn mit bunt erdachten Ges chichten zu necken.
Aber sosehr er sich dies auch vorsagte, konnte er doch keinen Augenblick daran glauben; ein
seltsamer Schauder zog durch sein Innres; unfähig, ein Wort hervorzub ringen, starrte er
unverwandten Auges die holde Erzählerin an. Diese schüttelte betrü bt den Kopf, seufzte aus
vollem Herzen und fuhr alsdann folgendermaßen fort:
»Wir wären weit besser daran als ihr andern Menschen - denn Mensch en nennen wir uns auch,
wie wir es denn der Bildung und dem Leibe nach sind - aber es ist ein ga r Übles dabei. Wir und
unsresgleichen in den andern Elementen, wir zerstieben und vergehn mit G eist und Leib, daß
keine Spur von uns rückbleibt, und wenn ihr andern dermaleinst zu ein em reinern Leben erwacht,
sind wir geblieben, so Sand und Funk und Wind und Welle blieb. Darum haben wir auch keine
Seelen; das Element bewegt uns, gehorcht uns oft, solange wir leben, zer stäubt uns immer,
sobald wir sterben, und wir sind lustig, ohne uns irgend zu grämen, w ie es die Nachtigallen und
Goldfischlein und andre hübsche Kinder der Natur ja gleichfalls sind. Aber alles will höher als es
steht. So wollte mein Vater, der ein mächtiger Wasserfürst im Mitt elländischen Meere ist, seine
einzige Tochter solle einer Seele teilhaftig werden und müsse sie dar über auch viele Leiden der
beseelten Leute bestehn. Eine Seele aber kann unsresgleichen nur durch d en innigsten Verein der
Liebe mit einem eures Geschlechtes gewinnen. Nun bin ich beseelt, dir da nk ich die Seele, o du
unaussprechlich Geliebter, und dir werd ich es danken, wenn du mich nich t mein ganzes Leben
hindurch elend machst. Denn was soll aus mir werden, wenn du mich scheue st und mich
verstößest? Durch Trug aber mocht ich dich nicht behalten. Und wil lst du mich verstoßen, so tu es
nun, so geh allein ans Ufer zurück. Ich tauche mich in diesen Bach, d er mein Oheim ist und hier im
Walde sein wunderliches Einsiedlerleben, von den übrigen Freunden ent fernet, führt. Er ist aber
mächtig und vielen großen Strömen wert und teuer, und wie er mi ch herführte zu den Fischern,
|  |
|
| |
|
|