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Achtes Kapitel:
Der Tag nach der Hochzeit
Ein frisches Morgenlicht weckte die jungen Eheleute. Undine verbarg sich schamhaft unter ihre
Decken, und Huldbrand lag still sinnend vor sich hin. Sooft er in der Na cht eingeschlafen war,
hatten ihn verwunderlich grausende Träume verstört von Gespenstern , die sich heimlich grinzend
in schöne Frauen zu verkleiden strebten, von schönen Frauen, die m it einem Male
Drachenangesichter bekamen. Und wenn er von den häßlichen Gebilden in die Höhe fuhr, stand
das Mondlicht bleich und kalt draußen vor den Fenstern; entsetzt blic kte er nach Undinen, an
deren Busen er eingeschlafen war und die in unverwandelter Schönheit und Anmut neben ihm
ruhte. Dann drückte er einen leichten Kuß auf die rosigen Lippen u nd schlief wieder ein, um von
neuen Schrecken erweckt zu werden. Nachdem er sich nun alles dieses rech t im vollen Wachen
überlegt hatte, schalt er sich selbst über jedweden Zweifel aus, d er ihn an seiner schönen Frau
hatte irremachen können. Er bat ihr auch sein Unrecht mit klaren Wort en ab, sie aber reichte ihm
nur die schöne Hand, seufzte aus tiefem Herzen und blieb still. Aber ein unendlich inniger Blick
aus ihren Augen, wie er ihn noch nie gesehn hatte, ließ ihm keinen Zw eifel, daß Undine von
keinem Unwillen gegen ihn wisse. Er stand dann heiter auf und ging zu de n Hausgenossen in das
gemeinsame Zimmer vor. Die dreie saßen mit besorglichen Mienen um den Herd, ohne daß sich
einer getraut hätte, seine Worte laut werden zu lassen. Es sahe aus, als bete der Priester in
seinem Innern um Abwendung alles Übels. Da man nun aber den jungen Eh emann so vergnügt
hervorgehn sah, glätteten sich auch die Falten in den übrigen Ange sichtern; ja, der alte Fischer
fing an, mit dem Ritter zu scherzen, auf eine recht sittige, ehrbare Wei se, so daß selbst die alte
Hausfrau ganz freundlich dazu lächelte. Darüber war endlich Undine auch fertig geworden und trat
nun in die Tür; alle wollten ihr entgegengehn, und alle blieben voll Verwunderung stehen, so fremd
kam ihnen die junge Frau vor und doch so wohlbekannt. Der Priester schri tt zuerst mit Vaterliebe
in den leuchtenden Blicken auf sie zu, und wie er die Hand zum Segnen em porhob, sank das
schöne Weib andächtig schauernd vor ihm in die Knie. Sie bat ihn d arauf mit einigen freundlich
demütigen Worten wegen des Törichten, das sie gestern gesprochen h aben möge, um Verzeihung
und ersuchte ihn mit sehr bewegtem Tone, daß er für das Heil ihrer Seele beten wolle. Dann erhob
sie sich, küßte ihre Pflegeeltern und sagte, für alles genossen e Gute dankend: »O jetzt fühle ich es
im innersten Herzen, wie viel, wie unendlich viel ihr für mich getan habt, ihr lieben, lieben Leute!« -
Sie konnte erst gar nicht wieder von ihren Liebkosungen abbrechen, aber kaum gewahrte sie, daß
die Hausfrau nach dem Frühstücke hinsah, so stand sie auch bereits am Herde, kochte und
ordnete an und litt nicht, daß die gute alte Mutter auch nur die geri ngste Mühwaltung über sich
nahm.
Sie blieb den ganzen Tag lang so; still, freundlich und achtsam, ein Hau smütterlein und ein zart
verschämtes, jungfräuliches Wesen zugleich. Die dreie, welche sie schon länger kannten, dachten
in jedem Augenblick irgendein wunderliches Wechselspiel ihres launischen Sinnes hervorbrechen
zu sehn. Aber sie warteten vergebens darauf. Undine blieb engelmild und sanft. Der Priester
konnte seine Augen gar nicht von ihr wegwenden und sagte mehrere Male zu m Bräutigam: »Herr,
einen Schatz hat Euch gestern die himmlische Güte durch mich Unwür digen anvertraut; wahrt ihn,
wie es sich gebührt, so wird er Euer ewiges und zeitliches Heil befö rdern.«
Gegen Abend hing sich Undine mit demütiger Zärtlichkeit an des Rit ters Arm und zog ihn sanft
vor die Tür hinaus, wo die sinkende Sonne anmutig über den frische n Gräsern und um die hohen,
schlanken Baumstämme leuchtete. In den Augen der jungen Frau schwamm es wie Tau der
Wehmut und der Liebe, auf ihren Lippen schwebte es wie ein zartes, besor gliches Geheimnis, das
sich aber nur in kaum vernehmlichen Seufzern kundgab. Sie führte ihre n Liebling schweigend
immer weiter mit sich fort; was er sagte, beantwortete sie nur mit Blick en, in denen zwar keine
unmittelbare Auskunft auf seine Fragen, wohl aber ein ganzer Himmel der Liebe und schüchternen
Ergebenheit lag. So gelangte sie an das Ufer des übergetretnen Waldst roms, und der Ritter
erstaunte, diesen in leisen Wellen verrinnend dahinrieseln zu sehn, so d aß keine Spur seiner
vorigen Wildheit und Fülle mehr anzutreffen war. - »Bis morgen wir d er ganz versiegt sein«, sagte
die schöne Frau weinerlich, »und du kannst dann ohne Widerspruch r eisen, wohinaus du willst.« -
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