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Erstes Kapitel:
Wie der Ritter zu dem Fischer kam
Es mögen nun wohl schon viele hundert Jahre her sein, da gab es einma l einen alten guten
Fischer, der saß eines schönen Abends vor der Tür und flickte s eine Netze. Er wohnte aber in
einer überaus anmutigen Gegend. Der grüne Boden, worauf seine Hü tte gebaut war, streckte sich
weit in einen großen Landsee hinaus, und es schien ebensowohl, die Er dzunge habe sich aus
Liebe zu der bläulich klaren, wunderhellen Flut in diese hineingedrä ngt, als auch, das Wasser
habe mit verliebten Armen nach der schönen Aue gegriffen, nach ihren hochschwankenden
Gräsern und Blumen und nach dem erquicklichen Schatten ihrer Bäume . Eins ging bei dem andern
zu Gaste, und eben deshalb war jegliches so schön. Von Menschen freil ich war an dieser
hübschen Stelle wenig oder gar nichts anzutreffen, den Fischer und se ine Hausleute
ausgenommen. Denn hinter der Erdzunge lag ein sehr wilder Wald, den die mehrsten Leute wegen
seiner Finsternis und Unwegsamkeit, wie auch wegen der wundersamen Kreat uren und
Gaukeleien, die man darin antreffen sollte, allzusehr scheueten, um sich ohne Not
hineinzubegeben. Der alte fromme Fischer jedoch durchschnitt ihn ohne An fechtung zu vielen
Malen, wenn er die köstlichen Fische, die er auf seiner schönen La ndzunge fing, nach einer
großen Stadt trug, welche nicht sehr weit hinter dem großen Walde lag. Es ward ihm wohl
mehrenteils deswegen so leicht, durch den Forst zu ziehn, weil er fast k eine andre als fromme
Gedanken hegte und noch außerdem jedesmal, wenn er die verrufenen Sch atten betrat, ein
geistliches Lied aus heller Kehle und aufrichtigem Herzen anzustimmen ge wohnt war.
Da er nun an diesem Abende ganz arglos bei den Netzen saß, kam ihn do ch ein unversehener
Schrecken an, als er es im Waldesdunkel rauschen hörte, wie Roß un d Mann, und sich das
Geräusch immer näher nach der Landzunge herauszog. Was er in manch en stürmigen Nächten
von den Geheimnissen des Forstes geträumt hatte, zuckte ihm nun auf e inmal durch den Sinn, vor
allem das Bild eines riesenmäßig langen, schneeweißen Mannes, d er unaufhörlich auf eine
seltsame Art mit dem Kopfe nickte. Ja, als er die Augen nach dem Walde a ufhob, kam es ihm ganz
eigentlich vor, als sehe er durch das Laubgegitter den nickenden Mann he rvorkommen. Er nahm
sich aber bald zusammen, erwägend, wie ihm doch niemals in dem Walde selbsten was
Bedenkliches widerfahren sei und also auf der freien Landzunge der bö se Geist wohl noch minder
Gewalt über ihn ausüben dürfe. Zugleich betete er recht kräf tiglich einen biblischen Spruch laut
aus dem Herzen heraus, wodurch ihm der kecke Mut auch zurückekam und er fast lachend sah,
wie sehr er sich geirrt hatte. Der weiße, nickende Mann ward nämli ch urplötzlich zu einem ihm
längst wohlbekannten Bächlein, das schäumend aus dem Forste her vorrann und sich in den
Landsee ergoß. Wer aber das Geräusch verursacht hatte, war ein sch ön geschmückter Ritter, der
zu Roß durch den Baumschatten gegen die Hütte vorgeritten kam. Ein scharlachroter Mantel hing
ihm über sein veilchenblaues goldgesticktes Wams herab; von dem goldf arbigen Barette wallten
rote und veilchenblaue Federn, am goldnen Wehrgehenke blitzte ein ausneh mend schönes und
reichverziertes Schwert. Der weiße Hengst, der den Ritter trug, war s chlankeren Baues, als man
es sonst bei Streitrossen zu sehen gewohnt ist, und trat so leicht üb er den Rasen hin, daß dieser
grünbunte Teppich auch nicht die mindeste Verletzung davon zu empfang en schien. Dem alten
Fischer war es noch immer nicht ganz geheuer zumut, obwohl er einzusehn meinte, daß von einer
so holden Erscheinung nichts Übles zu befahren sei, weshalb er auch s einen Hut ganz sittig vor
dem näherkommenden Herrn abzog und gelassen bei seinen Netzen verblie b. Da hielt der Ritter
stille und fragte, ob er wohl mit seinem Pferde auf diese Nacht hier Unt erkommen und Pflege
finden könne? - »Was Euer Pferd betrifft, lieber Herr«, entgegn ete der Fischer, »so weiß ich ihm
keinen bessern Stall anzuweisen als diese beschattete Wiese und kein bes seres Futter als das
Gras, welches darauf wächst. Euch selbst aber will ich gerne in meine m kleinen Hause mit
Abendbrot und Nachtlager bewirten, so gut es unsereiner hat.« - Der R itter war damit ganz wohl
zufrieden, er stieg von seinem Rosse, welches die beiden gemeinschaftlic h losgürteten und
loszügelten, und ließ es alsdann auf den blumigen Anger hinlaufen, zu seinem Wirte sprechend:
»Hätt ich Euch auch minder gastlich und wohlmeinend gefunden, mein lieber alter Fischer, Ihr
wäret mich dennoch wohl für heute nicht wieder losgeworden, denn, wie ich sehe, liegt vor uns ein
breiter See, und mit sinkendem Abende in den wunderlichen Wald zurück zureiten, davor bewahre
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