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Sechstes Kapitel:
Von einer Trauung
Ein leises Klopfen an die Tür klang durch diese Stille und erschreckt e alle, die in der Hütte
saßen, wie es denn wohl bisweilen zu kommen pflegt, daß auch eine Kleinigkeit, die ganz
unvermutet geschieht, einem den Sinn recht furchtbarlich aufregen kann. Aber hier kam noch
dazu, daß der verrufne Forst sehr nahe lag und daß die Seespitze f ür menschliche Besuche jetzt
unzugänglich schien. Man sah einander zweifelnd an, das Pochen wieder holte sich, von einem
tiefen Ächzen begleitet; der Ritter ging nach seinem Schwerte. Da sag te aber der alte Mann leise:
»Wenn es das ist, was ich fürchte, hilft uns keine Waffe.« - Un dine näherte sich indessen der Tür
und rief ganz unwillig und keck: »Wenn ihr Unfug treiben wollt, ihr E rdgeister, so soll euch
Kühleborn was Beßres lehren.« - Das Entsetzen der andern ward d urch diese wunderlichen Worte
vermehrt, sie sahen das Mädchen scheu an, und Huldbrand wollte sich e ben zu einer Frage an sie
ermannen, da sagte es von draußen: »Ich bin kein Erdgeist, wohl ab er ein Geist, der noch im
irdischen Körper hauset. Wollt ihr mir helfen und fürchtet ihr Got t, ihr drinnen in der Hütte, so tut
mir auf.« Undine hatte bei diesen Worten die Tür bereits geöffn et und leuchtete mit einer Ampel in
die stürmige Nacht hinaus, so daß man draußen einen alten Pries ter wahrnahm, der vor dem
unversehnen Anblicke des wunderschönen Mägdleins erschreckt zurü cketrat. Er mochte wohl
denken, es müsse Spuk und Zauberei mit im Spiele sein, wo ein so herr liches Bild aus einer so
niedern Hüttenpforte erscheine; deshalb fing er an zu beten: »Alle gute Geister loben Gott den
Herrn!« - »Ich bin kein Gespenst«, sagte Undine lächelnd, » seh ich denn so häßlich aus? Zudem
könnt Ihr ja wohl merken, daß mich kein frommer Spruch erschreckt. Ich weiß doch auch von Gott
und versteh ihn auch zu loben, jedweder auf seine Weise freilich, und da zu hat er uns erschaffen.
Tretet herein, ehrwürdiger Vater, Ihr kommt zu guten Leuten.«
Der Geistliche kam neigend und umblickend herein und sahe gar lieb und e hrwürdig aus. Aber
das Wasser troff aus allen Falten seines dunkeln Kleides und aus dem lan gen weißen Bart und
den weißen Locken des Haupthaares. Der Fischer und der Ritter führ ten ihn in eine Kammer und
gaben ihm andre Kleider, während sie den Weibern die Gewande des Prie sters zum Trocknen in
das Zimmer reichten. Der fremde Greis dankte aufs demütigste und freu ndlichste, aber des Ritters
glänzenden Mantel, den ihm dieser entgegenhielt, wollte er auf keine Weise umnehmen; er wählte
statt dessen ein altes graues Oberkleid des Fischers. So kamen sie denn in das Gemach zurück,
die Hausfrau räumte dem Priester alsbald ihren großen Sessel und r uhte nicht eher, bis er sich
darauf niedergelassen hatte; »denn«, sagte sie, »Ihr seid alt u nd erschöpft und geistlich
obendrein.« Undine schob den Füßen des Fremden ihr kleines Bä nkchen unter, worauf sie sonst
neben Huldbranden zu sitzen pflegte, und bewies sich überhaupt in der Pflege des guten Alten
höchst sittig und anmutig. Huldbrand flüsterte ihr darüber eine Neckerei ins Ohr, sie aber
entgegnete sehr ernst: »Er dient ja dem, der uns alle geschaffen hat; damit ist nicht zu spaßen.« -
Der Ritter und der Fischer labten darauf den Priester mit Speise und Wei n, und dieser fing,
nachdem er sich etwas erholt hatte, zu erzählen an, wie er gestern au s seinem Kloster, das fern
über den großen Landsee hinaus liege, nach dem Sitze des Bischofs habe reisen sollen, um
demselben die Not kundzutun, in welche durch die jetzigen wunderbaren Ü berschwemmungen
das Kloster und dessen Zinsdörfer geraten seien. Da habe er nach lang en Umwegen, um
ebendieser Überschwemmungen willen, sich heute gegen Abend dennoch ge nötigt gesehn, einen
übergetretnen Arm des Sees mit Hülfe zweier guten Fährleute zu überschiffen. - »Kaum aber«,
fuhr er fort, »hatte unser kleines Fahrzeug die Wellen berührt, so brach auch schon der ungeheure
Sturm los, der noch jetzt über unsern Häuptern fortwütet. Es wa r, als hätten die Fluten nur auf uns
gewartet, um die allertollsten, strudelndsten Tänze mit uns zu beginn en. Die Ruder waren bald aus
meiner Führer Händen gerissen und trieben zerschmettert auf den Wo gen weiter und weiter vor
uns hinaus. Wir selbst flogen, hülflos und der tauben Naturkraft hing egeben, auf die Höhe des
Sees zu euern fernen Ufern herüber, die wir schon zwischen den Nebeln und Wasserschäumen
emporstreben sahen. Da drehte sich endlich der Nachen immer wilder und s chwindliger; ich weiß
nicht, stürzte er um, stürzte ich heraus. Im dunkeln Ängstigen des nahen schrecklichen Todes trieb
ich weiter, bis mich eine Welle hier unter die Bäume an eure Insel wa rf.«
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