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Fünftes Kapitel:
Wie der Ritter auf der Seespitze lebte
Du bist vielleicht, mein lieber Leser, irgendwo, nach mannigfachem Auf- und Abtreiben in der
Welt, an einen Ort gekommen, wo dir es wohl war; die jedwedem eingeborne Liebe zu eignem
Herd und stillem Frieden ging wieder auf in dir; du meintest, die Heimat blühe mit allen Blumen der
Kindheit und der allerreinsten, innigsten Liebe wieder aus teuren Grabst ätten hervor, und hier
müsse gut wohnen und Hütten bauen sein. Ob du dich darin geirrt un d den Irrtum nachher
schmerzlich abgebüßt hast, das soll hier nichts zur Sache tun, und du wirst dich auch selbst wohl
mit dem herben Nachschmack nicht freiwillig betrüben wollen. Aber ruf e jene unaussprechlich
süße Ahnung, jenen englischen Gruß des Friedens wieder in dir h erauf, und du wirst ungefähr
wissen können, wie dem Ritter Huldbrand während seines Lebens auf der Seespitze zu Sinne war.
Er sah oftmals mit innigem Wohlbehagen, wie der Waldstrom mit jedem Tage wilder
einherrollte, wie er sich sein Bette breiter und breiter riß und die Abgeschiedenheit auf der Insel so
für immer längere Zeit ausdehnte. Einen Teil des Tages über str ich er mit einer alten Armbrust, die
er in einem Winkel der Hütte gefunden und sich ausgebessert hatte, um her, nach den
vorüberfliegenden Vögeln lauernd und, was er von ihnen treffen kon nte, als guten Braten in die
Küche liefernd. Brachte er nun seine Beute zurück, so unterließ Undine fast niemals, ihn
auszuschalten, daß er den lieben, lustigen Tierchen oben im blauen Lu ftmeer so feindlich ihr
fröhliches Leben stehle; ja, sie weinte oftmals bitterlich bei dem An blicke des toten Geflügels. Kam
er aber dann ein andermal wieder heim und hatte nichts geschossen, so sc halt sie ihn nicht minder
ernstlich darüber aus, daß man nun um seines Ungeschicks und seine r Nachlässigkeit willen mit
Fischen und Krebsen vorliebnehmen müsse. Er freute sich allemal herzi nniglich auf ihr anmutiges
Zürnen, um so mehr, da sie gewöhnlich nachher ihre üble Laune d urch die holdesten
Liebkosungen wieder gutzumachen suchte. Die Alten hatten sich in die Ver traulichkeit der beiden
jungen Leute gefunden; sie kamen ihnen vor wie Verlobte oder gar wie ein Ehepaar, das ihnen
zum Beistand im Alter mit auf der abgerissenen Insel wohne. Eben diese A bgeschiedenheit
brachte auch den jungen Huldbrand ganz fest auf den Gedanken, er sei ber eits Undines
Bräutigam. Ihm war zumute, als gäbe es keine Welt mehr jenseits di eser umgebenden Fluten oder
als könne man doch nie wieder da hinüber zur Vereinigung mit ander n Menschen gelangen; und
wenn ihn auch bisweilen sein weidendes Roß anwieherte, wie nach Ritte rtaten fragend und
mahnend, oder sein Wappenschild ihm von der Stickerei des Sattels und de r Pferdedecke ernst
entgegenleuchtete oder sein schönes Schwert unversehens vom Nagel, an welchem es in der
Hütte hing, herabfiel, im Sturze aus der Scheide gleitend - so beruhi gte er sein zweifelndes Gemüt
damit: Undine sei gar keine Fischerstochter, sei vielmehr, aller Wahrsch einlichkeit nach, aus
einem wundersamen, hochfürstlichen Hause der Fremde gebürtig. Nur das war ihm in der Seele
zuwider, wenn die alte Frau Undinen in seiner Gegenwart schalt. Das laun ische Mädchen lachte
zwar meist, ohne alles Hehl, ganz ausgelassen darüber; aber ihm war e s, als taste man seine
Ehre an, und doch wußte er der alten Fischerin nicht unrecht zu geben , denn Undine verdiente
immer zum wenigsten zehnfach so viele Schelte als sie bekam; daher er de nn auch der Hauswirtin
im Herzen gewogen blieb und das ganze Leben seinen stillen, vergnügli chen Gang ging.
Es kam aber doch endlich eine Störung hinein; der Fischer und der Rit ter waren nämlich
gewohnt gewesen, beim Mittagsmahle und auch des Abends, wenn der Wind dr außen heulte, wie
er es fast immer gegen die Nacht zu tun pflegte, sich miteinander bei ei nem Kruge Wein zu
ergötzen. Nun war aber der ganze Vorrat zu Ende gegangen, den der Fis cher früher von der Stadt
nach und nach mitgebracht hatte, und die beiden Männer wurden darü ber ganz verdrießlich.
Undine lachte sie den Tag über wacker aus, ohne daß beide so lusti g wie gewöhnlich in ihre
Scherze einstimmten. Gegen Abend war sie aus der Hütte gegangen: sie sagte, um den zwei
langen und langweiligen Gesichtern zu entgehn. Weil es nun in der Däm merung wieder nach
Sturm aussah und das Wasser bereits heulte und rauschte, sprangen der Ri tter und der Fischer
erschreckt vor die Tür, um das Mädchen heimzuholen, der Angst jene r Nacht gedenkend, wo
Huldbrand zum erstenmal in der Hütte gewesen war. Undine aber trat ih nen entgegen, freundlich
in ihre Händchen klopfend. »Was gebt ihr mir, wenn ich euch Wein v erschaffe? Oder vielmehr, ihr
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